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Die nächste Veranstaltung der Stiftung ist am Buss- und Bettag, Mittwoch, den 22. November in der evangelischen Kirche (Schulstrasse) um 19:30 Uhr. Die Laienspielgruppe des Stuttgarter Spielkreises e.V. führt uns das mittelalerliche Stück "Totentanz" vor.

Der Eintritt ist frei. Die Stiftung bittet nach der Veranstaltung um eine Spende für die Stiftung Evangelische Kirche Endersbach.

Einmal im Jahr ruft der Tod zum Tanz

Eine Kirche im November. Ein Mann im blauen Umhang stürmt durch das Kircheninnere und verkündet mit lauter Stimme: „ein ernsthafft spielen hebt sich an, von unserm großen HERREN GOTT und seinem grimmen boten tod…“ Der Spruchsprecher nimmt vorweg, was bei den Zuschauern bald unter die Haut geht: die Begegnung mit dem Tod. Nach dem Monolog nimmt die Weise vom Schnitter Tod, vorgetragen von Streichern, musikalisch das Thema auf. Und dann kommt Gott selbst, nur hörbar, und ruft den Tod zu sich, dem er einen Gerichtstag ankündigt und ihn auffordert:

Drum sollst mir schnell die welt abeilen

Und gleich abtöten unverweylen

All, deren lebenszeit am end;

Bald schon sitzt der Tod abseits, schwarz gewandet, totenschädelweiß das Gesicht, und wartet auf sein erstes Opfer, einen betrunkenen Vogt („gut fressen und saufen ist mein freud“), der prahlt

Ich brauch kein pfaffen, kein eh´gwalt,

halt hochzeit oft und wanns mit g´fallt,

pfeif uf die kirch, ich hans nit not –

bis der Tod auf sein „und morgen...“ einfällt „… bist du tot.“

Willkommen beim Totentanz 2017, den eine Laienspielgruppe des Stuttgarter Spielkreis e.V. in diesem Jahr am 22. November (siehe Kasten) in der evangelischen Kirche in Enderbach aufführen wird. Kein Theaterspiel im herkömmlichen Sinn findet da statt. Eher schon ein Mysterienspiel, bei dem die typischen Vertreter der mittelalterlichen Ordnung vorgeführt werden: erst den Zuschauern, dann dem Tod und endlich dem Weltenrichter. Nach dem betrügerischen Vogt treten auf: ein sterbensmüder Bettler, eine bigotte Krämerin, ein waffengläubiger Landsknecht, eine verzweifelte Mutter mit ihrem sterbenden Kind, eine lebenslustige Buhlerin (junges verführerisches Mädchen) und der mächtige Kaiser. Jedes Mal spielt sich dasselbe Ritual ab: Zuerst erscheint der ahnungslos Protagonist, dann taucht unvermutet der Tod auf, der zuerst nicht erkannt, dann angefleht, verhöhnt, bestochen, beschimpft, bedroht wird, bis er sie am Ende doch alle mitnimmt. Der Tod meldet Gott nach zehn „Geschehnissen“ Vollzug und ruft nun die Toten „zu der letzten reis“, die „anfaht der grimme todesreihn ich herre tod tu tanzführer sein!“. Dann treten sie alle vor und mit seltsam gebrochenen Schritten beginnt das, was allem seinen Namen gibt: der Totentanz.

Wer kennt sie nicht, die bildhaften Darstellungen der Totentänze aus Kirchen wie Lübeck, Basel, Berlin und anderen europäischen Städten, die Holzschnitte von Hans Holbein, aber auch moderner Künstler wie Alfred Hrdlicka und HAP Grieshaber. Vergessen wird dabei, dass es bis heute rätselhaft ist, warum es überhaupt zu diesem makabren Spiel Mitte bis Ende des 15. Jahrhunderts gekommen ist. Die Pest, wie oft vermutet, war da schon Geschichte, mehrere Generationen her. Oder vielleicht gerade deshalb, weil nach hundert Jahren die grauenvolle Erinnerung verblasste und man sich auf makaber-lustige Weise dem Tod eine neue Seite abgewann? Oder haben diejenigen Recht, die dem Totentanz eine sozialkritische Seite abgewinnen wollen, dass vor dem Tod alle Stände klein beigeben müssen? Warum dann aber mit dem Tod tanzen und nicht schreiten? Oder ist es am Ende dasselbe?

Genauso wie die Genese des Totentanzes im Dunklen liegt, bleiben auch die Anfänge des Totentanzspiels des Stuttgarter Spielkreises verborgen. Irgendwann Ende der 1940er Jahre hatte Kurt Wager, der Gründer des Sing-, Tanz- und eben Spielkreises mit der Einstudierung und Aufführung des Totentanzes begonnen. Als Vorlage hatte er einen Text des Münchener Theaterleiters Alois Johannes Lippl. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es neben traditionellen Totentanzstücken die Neuinterpretation des Themas im Jedermann von Hugo von Hofmannsthal. Davon setzte sich Lippl 1922 bewußt ab, als er mit 19 (!) Jahren sich sprachlich in die Welt der frühen Neuzeit versetzte und mit dem Knittelvers und einem altertümlichen Deutsch eine sprachliche Distanz zur Gegenwart schuf. Dazu kommt die eindringliche Musik, die Hubert Haas unter Verwendung alter Weisen schuf.

Lange Jahre spielte Kurt Wager selbst mit bei diesem „Memento-Mori-Spiel“, das in seiner Struktur auch nach über 60 Jahren unverändert geblieben ist. Alle drei Elemente, die Musik, die Sprache und das mit einem Minimum an Schauspielerei vorgetragene Spiel der Akteure, erzeugen die unerhörte Spannung, die über dem knapp 90minütigen Geschehen liegt und das die Zuschauer in den Bann zieht. Wenn am Ende als Höhepunkt die vom Tod heimgeholten Darsteller tanzend-schreitend aus der Kirche verschwinden, bleibt die Stille zurück, die immer dann herrscht, wenn man eines Toten gedenkt. Kein Vorhang senkt sich, kein Applaus verabschiedet das Geschehnis. Schweigend, vielleicht noch die Hand zu einer Spende gezückt, begleiten einen die eindringlichen Bilder zurück in den Alltag.

Markus Herzig